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Am Abglanz der Farben
Zum künstlerischen Werk von Monika Kiss Horváth
Susann Wintsch
Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter. Sie erhellt unsere Welt, dann dämmert sie langsam ein, bevor sie hinter dem
Horizont verschwindet. Ein alltägliches Wunder. Um diese Magie spürbar zu machen, hat Monika Kiss Horváth eine zweite
Sonne erschaffen, eine leuchtend gelbe Folie auf der Scheibe des hohen Glasfensters im Galerieraum. Nun fällt das
wechselnde Licht des Tages auch durch ein zusätzliches Objekt – als gelber Abglanz des Sonnenlichts. So trifft es schräg
auf eine magentafarbene Wand und versickert allmählich. Erst am anderen Ende leuchtet die Wand in ihrer ursprünglichen
Farbintensität wieder auf.
Mit dieser feinen Geste öffnet die Künstlerin uns den Weg in ihr Werk. Wir spazieren den weiteren Wänden entlang,
durch die Lichtstimmungen der Bilder, Fotografien und Objekte. Trotz ihrer Verschiedenheit fügen sich die Werke zu
einem stillen Ganzen: Alles ist durchdrungen vom Spiel der Farben, von Fluss und Verwandlung, vom Strahlen und Verlöschen.
Sogar die Federn des Pfaus schimmern je nach Blickwinkel grün oder violett, und lassen sich nicht festhalten.
Orange. Blutrot. Pink. Petrolblau. In den Malereien von Monika Kiss Horváth begegnen sich Aquarell- oder Tuschefarben
in vibrierenden Kompositionen. Helle Töne brechen am Rand dunkler Gebilde hervor, züngeln sich ins Innere
oder türmen sich auf wie Wasserlinien im Sand. In den Fotografien glüht das Sonnenlicht hinter Bergkämmen, zeichnet
Felsränder nach oder funkelt zwischen Gletschern und Wolkenmeeren.
Alle Werke scheinen zu atmen. Sie wirken lebendig, wie zufällig entstanden und doch von einer inneren Ordnung bewegt.
Und immer wieder ist es das Licht der untergehenden Sonne, das die Künstlerin einfängt. In jenem Moment werden
Farben nicht nur gesehen, sondern auch empfunden. In ihren nebligen Nuancen öffnen sich Gedanken, Erinnerungen
und Sehnsüchte.
Und dann ist da dieser Ort: Marinella. Eine Bar im alten Fischerdorf Nervi bei Genua, gebaut wie ein Schiff im Stil des Art
déco. Seit 1934 sitzt sie auf dem schmalen Felsen zwischen Bahnhof und Meer und trotzt den Elementen. Wer sie betritt,
versinkt im grenzenlosen Blau des Meeres und den wandernden Wolken. Unübertrefflich ist jedoch der Blick auf den
Sonnenuntergang. Er hält die Zeit an, und unsere Gedanken folgen ihrem Kolorit. Vielleicht folgen wir ihnen, im nächsten
Herbst. Bis dahin träumen wir einfach weiter, Bella Marinella.
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